„Auf den Spuren des Edlen Herrn Bernhard II. zur Lippe“
Jahresfahrt des Falkenburgvereins am 12.10.2013

Die Vereinsfahrt 2013 hatte sich zum Ziel gesetzt, dem Mann und seinem Leben ganz nahe zu kommen, der die Vision hatte, die Falkenburg zu erbauen und eine Familiendynastie zu gründen, wie sie besonders in den Anfängen Ihresgleichen suchte. Begleitet wurde die Reisegruppe von Henning dem Barden, der es sich zur Aufgabe machte, an den einzelnen Stationen der Reise zeitgenössische Musik bei zutragen und somit die Zeitreise lebendig zu gestalten.

Von Detmold nach Lippstadt sind es nur ca. 66 km. Nur eine Stunde in der heutigen Zeit. Eine Reise von ca. 8 Stunden zu Pferd im 12. Jahrhundert. In Lippstadt erwarten zwei Stadtführer die Gruppe.

Geboren wurde Bernhard II. vermutlich 1140 in der Nähe des heutigen Lippstadt. Somit musste die Spurensuche genau dort beginnen. Die Stadt hat ihrem Gründer ein Denkmal gesetzt, das ihn als Ritter in Rüstung, mit den Stadtrechten in der Hand zeigt. Woher die Edelherren ihren Namen haben, zeigt der allgegenwärtige Fluss Lippe.

Der Hermlingshof, der der Familie zur Lippe gehörte, befand sich an der Stelle, wo heute die Ruine des Augustinerinnenklosters steht. Dieses Kloster wurde im Auftrag Bernhards nach 1185 erbaut. Die sog. kleine Marienkirche wurde in mehreren Bauabschnitten errichtet, doch auch der älteste Teil ist heute noch zu sehen. Besonders attraktiv wird der Bau durch den grünlich-blau leuchtenden Sandstein, der in Anröchte abgebaut wird. Auch an der Ruine sind noch Spuren der von den Lippern gewählten Bauformen für ihre Kirchen zu finden.1) Heute befindet sich auf dem Klostergelände ein Damenstift. Die Ruine und der sie umgebende Garten strahlen eine wunderbare Ruhe aus, in der man sich gern aufhält.

Mittelpunkt der Stadt ist die große Marienkirche, ebenfalls ein Gründung Bernhards. 1222 hat er sie als Bischof selbst geweiht. In der Kirche treffen wir erstmals auf die den Lippern zugeschriebenen Domikalgewölbe mit charakteristischen Schlussringen und immer wieder identisch auftauchenden Kapitellzonen, die sich in allen Kirchen, bei deren Bau Bernhard oder seine Kinder involviert waren, wiederfinden.1)

Eine gusseiserne Kirchentür zeigt u.a. den Städtegründer Bernhard zunächst als Ritter und später als Bischof bei der Weihe der Kirche.

Lippstadt, die erste Stadtgründung des Edelherrn besticht durch wunderschöne Häuser aus allen Stilepochen, doch besonders die gepflegten Fachwerkhäuser fallen ins Auge.

Weiter zum nur 26 km entfernten Rheda. Die Schlossführerin Frau Wedeking wartete geduldig eine Stunde auf die sich verspätende Reisegruppe und führte dann souverän, mit leichter Hand und unendlichem Wissen in die Zeit Bernhards. Mit Begeisterung lenkte sie die Blicke der Gäste auf Details und erläuterte Zusammenhänge, die uns sonst verschlossen geblieben wären.

Nach dem Tod seines Freundes und Verwandten Widukind von Rheda, der Mitgründer des Klosters Marienfeld war, auf dem Kreuzzug vor Akkon 1191 gefallen, erbte Bernhard die Herrschaft Rheda und bezog mit seiner Familie das Schloss. Der ehemalige Palas steht heute nicht mehr. Der alte Wohnturm mit seinen gewaltigen Mauern ist noch existent und man kann sich vorstellen, dass auch Bernhard sich hier aufgehalten hat. Die weiteren, von den Nachfahren der Tecklenburger Grafen heute noch bewohnten Schlossgebäude, stammen aus der Renaissance bzw. dem Barock.

Das alte Torhaus mit einer darüber liegenden Doppelkapelle und einer Wohnetage ist jedoch das erklärte Ziel der Reise. Dieses einzigartige und faszinierende Bauwerk der Stauferzeit ließ Bernhard erbauen. In seiner schlichten Pracht und Schönheit aus goldgelbem Osningsandstein in Verbindung mit roten Ziegeln und Schiefersäulen gearbeitet, ist ihm auch heute noch die staunende Bewunderung des Besuchers gewiss. Der Machtanspruch, den die Lipper stellten, dokumentiert sich in der hochwertigen Ausführung der Arbeiten. Der Raum strahlte Ruhe und Besinnlichkeit aus und die Akustik ist wunderbar. Die doppelläufige Freitreppe hinaufblickend, meint man Bernhard auf dem Weg zum oberen Altar zu sehen, glaubt das Rauschen von Frauengewändern zu hören und das Gemurmel von Gebeten, während die Sonne durch die Fensterrosette fällt und den Raum in überirdisches Licht taucht.

Auch hier findet sich wieder das typische „lippische“ Gewölbe 1), das sich wie ein Himmel über den Raum wölbt.

Kommerziell genutzte Fotos werden in der Doppelkapelle nicht gewünscht und werden geahndet. Da wir uns nicht ganz sicher sind, ob wir unter diese Kategorie fallen, werden wir keine Bilder auf dieser homepage zeigen.

Nach der Ankunft im nur 13 Km entfernten Kloster Marienfeld war zunächst ein kleines Picknick notwendig, um die Lebensgeister der Teilnehmer nach zwei äußerst informativen Führungen wieder zu wecken. Außerdem fand sich eine Hochzeitsgesellschaft in der Kirche ein, die eine Besichtigung zu diesem Zeitpunkt unmöglich machte.

Das Kloster Marienfeld als Sühnedienst für begangenes Unrecht gegründet von einigen westfälischen Adeligen, war die letzte wichtige Lebensstation Bernhards in Westfalen. Hier begann 1200 sein letzter Lebensabschnitt, der ihn zur Schwertmission und zu seinem Bischofamt ins Baltikum bringen sollte.

Marienfeld wurde von seinen Gründern sehr reich bedacht und zählte zu den reichsten Stiftungen in Westfalen. Allein 500 Meierhöfe gehörten dem Kloster. Als Bernhard nach schwerer Krankheit, die er ihm Kloster auskurierte, im Jahre 1200 als Mönch dem Zisterzienserorden beitrat, begann für ihn der dritte, aufsehenerregende und überaus erfolgreiche Lebensabschnitt. In Marienfeld liefen die Fäden der Missionierung des Baltikums und der späteren Schwertmission mit Kreuzzugspredigten und -organisation zusammen. Hier waren die Gründer und Förderer des Klosters Dünamünde in Riga und des Schwertbrüderordens zu finden. Bernhard erhielt 1210 die Erlaubnis zur Kreuzpredigt und wurde in Riga zum Abt des dortigen Tochterklosters von Marienfeld gewählt. 1218 wurde er Bischof des neuen Bistums Semgallen. Er reiste ständig zwischen dem Baltikum und Westfalen, um sowohl Kreuzritter als auch Handwerker für die Reise in den Osten zu werben. Bis ins hohe Alter führte er selbst die Kreuzritterheere gegen die rebellischen Slawen. 1222 weilte er in Westfalen und weihte das Langschiff des Klosters sowie die Marienkirche in Lippstadt. 1224 starb Bernhard und wurde in Riga beigesetzt. Das Kloster wurde später von den Slawen vollständig zerstört, so dass heute sogar ungewiss ist, wo es gelegen hat.

Neben den uns auch hier erwartenden Domikalgewölben und Kapitellzonen waren in der Klosterkirche jedoch drei Grabplatten unser Ziel. Die eine deckt das Grab von Widukind von Rheda, bei den beiden anderen gibt es nur Vermutungen, an wen mit der Platte erinnert werden sollte.

Nachdem auch der Traugottesdienst ein Ende gefunden und der angekündigte Regen dann doch noch den Kaffee verdünnt hatte, bat uns der diensthabende Zisterziensermönch in die Kirche hinein und ließ es sich nicht nehmen, uns die drei Grabplatten zu zeigen und zu erläutern.

Das Grab Widukinds von Rheda war selbstsprechend. Seine Gebeine wurden von Akkon nach Marienfeld gebracht und hier bestattet.

Die Platte eines Frauengrabes, das gelegentlich schon Heilwig, der Frau Bernhards, zugesprochen wurde, deckte vermutlich jedoch aufgrund des Todesdatums, das Grab der Tochter der beiden, ebenfalls Heilwig mit Namen. Wo dieses Grab ursprünglich lag, ist ungewiss, da die Platte an einer Wand angebracht wurde.

Gar nicht klären konnte man bisher die ein Grab deckende Platte am Nordausgang der Kirche. Es gibt Vermutungen, dass es sich um Hermann II. zur Lippe, dem im Stedingerkrieg gefallen Sohn Bernhards handelt. Andere behaupten, es sei das Grab von Lüdiger von Wohldenberg-Wöltingerode, ebenfalls Stifter des Klosters. Beide Aussagen lassen sich begründen und ableiten. Genaueres würde man nur dann erfahren, wenn das Grab geöffnet werden würde.

Abgesehen von den wenigen romanischen Bauresten aus der Gründerzeit ist die Klosterkirche mit eindrucksvollen Zeugnissen der Barocken Kirchenbaukunst ausgestattet. Die meisten der ehemaligen Klostergebäude werden heute von einem Nobelhotel genutzt. Dennoch hat die Gesamtanlage mit der Kirche nichts von ihrer Würde und Schönheit verloren. Ein schöner Abschluss für den Tag auf den Spuren des Edlen Herrn Bernhard II. zur Lippe. Auch der nun einsetzende Regen war ebenfalls ein passender Schlusspunkt für diesen Tag.

Der Besuch dieser drei wichtigen Orte im Leben des lippischen Edelherrn, brachte uns den Begründer des Landes Lippe näher. Jeder, der diese Fahrt begleitet hat, wird beim nächsten Besuch der Falkenburg ein völlig neues Bild von der Bedeutung dieses Bauwerks auf lippischem Boden haben. Er wird verstehen, welch dynastisches Selbstverständnis Bernhard und seinen Nachfahren hatten, das sie sich in einem Zeitraum von ca. 20 Jahren als Städtegründer, Stifter und Baumeister so eindrucksvoll in Szene zu setzen wussten.

Bericht: Cornelia Müller-Hisje
Fotos: Matthias Schultes, Ingo Ziser (Quittenbild), Hans-H. Müller-Hisje

 1)       Dorn, Ralf: „Bauen im Zeichen der Rose“ in „Lippe und Livland.“ Hrsg. Jutta Prieur-Pohl